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Die Gazette: Typographie

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Typographie:

Die Fraktur und der Nationalismus

Am 10. Januar 1941 erließ Joseph Goebbels folgende Weisung an die deutsche Presse: "Da in der Zukunft mit einer schrittweisen Umstellung der 'gotischen Druckschrift' zur Antiqua, die als Normalschrift anzusehen ist, zu rechnen sein wird, ist von jeder Art der Bezeichnung der gotischen Schrift als deutschen [sic] Schrift Abstand zu nehmen. Eine solche Bezeichnung ist historisch auch nicht haltbar." Was war der Grund für diese plötzliche Umstellung?

Von Hans Willberg

Textur und Rotunda sind die Schriften des christlich-katholischen Abendslandes, ohne Bezug zu einer bestimmten Nation. Die Schwabacher hingegen ist die Schrift von Luthers deutscher Bibel, mit der sich der Protestantismus gegen Rom (Textura, Rotunda), aber ebenso gegen die Humanisten (Antiqua) abgrenzte. Das war zugleich der Beginn des Zusammenwachsens eines zerrissenen Vielstaaten-Gebiets zu einer deutschen Nation. Die Entstehung der Fraktur schließlich war eine rein deutsche Sache, eine Schrift-Design-Auftragsarbeit für den deutschen Kaiser Maximilian I., zu Beginn des 16. Jahrhunderts.

Auch diese Schriften, Schwabacher und vor allem die Fraktur, wurden europäisches Gemeingut - neben der Antiqua und nicht gegen die Antiqua. Auch in Deutschland bestand die Zweischriftigkeit. In den Druckereien der vielen verschiedenen deutschen Staaten des frühen 19. Jahrhunderts wurden zumeist belletristische Werke in Fraktur, wissenschaftliche Werke in Antiqua gesetzt.

Doch immer, wenn es mit dem großen Nachbarn Frankreich Spannungen gab, wurde das Nationalgefühl auch an der Schrift festgemacht. So 1813, als sich die Nation gegen den Eroberer Napoleon erhob (zuvor gab es kein gesamtdeutsches Nationalgefühl, das entstand erst durch Druck von außen), so 1870, als es wieder Krieg gegen Frankreich gab - aus dem dann das zweite Deutsche Kaiserreich resultierte; so 1914 vor dem 1. Weltkrieg und ebenso bei Hitlers Machtübernahme 1933.
Jedesmal wurde die Fraktur als "deutsche Schrift" politisiert und gegenüber der "welschen Schrift" (der klassizistischen Antiqua, die in Frankreich vorherrschte) mit Nationalgefühlen belegt.

Es gab aber auch die umgekehrte Politisierung der Schrift: 1911 brachte es der "Verein für Altschrift" so weit, daß im Deutschen Reichstag, dem deutschen Parlament, ein Antrag auf die Einführung der "Altschrift" (so die verkrampfte Eindeutschung des Begriffs "Antiqua") als einziger amtlicher Schrift und der Abschaffung der deutschen Schreibschrift als Schulschrift eingebracht wurde. Der Antrag wurde im sogenannten "Schriftstreit" mit teils sachlicher, teils emotional kontroverser Debatte mit 85 zu 82 Stimmen abgelehtn. So eindeutig war es also nicht mit dem deutschen Schrift-Nationalgefühl.

Nach dem 1. Weltkrieg, in der Weimarer Republik, war die Schriftszene ebenso gespalten wie das deutsche Volk. Die historischen Schriften des 19. Jahrhunderts waren noch allenthalben sichtbar; die Schriften des Jugendstils waren von der Kunstszene in die trivialen Alltagsdrucksachen abgesunken; die typographische Buchkultur des Bürgertums war vor allem von der aus England beeinflußten "Neuen deutschen Buchkunst" bestimmt, die wir heute als klassisch empfinden, die aber zu Beginn des Jahrhunderts eine revolutionäre Renaissance war; die künstlerische und intellektuelle Avantgarde war auf die internationalistischen Ideen des Bauhauses eingeschworen - im Bereich der Schrift gipfelte das in der Entwicklung der konstruierten Grotesk; die "völkisch" denkenden und empfindenden Kreise pflegten die gebrochenen Schriften, voran die "Offenbacher Schule" von Rudolf Koch.

Doch die "Schrift-Fronten" waren nicht klar, weder in der Öffentlichkeit, noch bei den Schriftentwerfern. Rudolf Koch hat die streng konstruierte "Kabel" entworfen; Paul Renner, der Schöpfer der Futura, hat auch wie Jan Tschichold, der Verkünder der Ideen der "Neuen Typografie" im Sinne des Bauhauses, fein geschriebene und ornamentierte Buchrücken entworfen; die Zeitungen linker Parteien konnten in Fraktur gesetzt sein und die Veröffentlichungen des Ärzteverbandes, der gewiß keine revolutionäre Vereinigung war, in der Futura.

Doch so unklar das öffentliche Schriftbild in der Praxis war, so entschieden ideologisch wurde in der Theorie gestritten. Tschichold denunzierte die gebrochenen Schriften als nationalistisch; Rudolf Koch raunte vom Besonderen des deutschen Wesens, das sich in der Besonderheit der deutschen Schrift niederschlüge. Hier also standen sehr wohl "Links" und "Rechts" gegeneinander. Hier ging es nicht um das Nebeneinander von zwei Gebrauchsschriften, von Antiqua und Fraktur, sondern um das Gegeneinander von Grotesk und Fraktur. Rationalismus gegen Nationalgefühl, die "kalte" Grotesk gegen die "menschliche" Fraktur - oder umgekehrt formuliert: die klare Grotesk gegen die verschwommene Fraktur.

1933 schien alles geklärt zu sein. Die Nationalsozialisten waren an der Macht. Die "deutsche Schrift" wurde zur "Schrift der Deutschen" erklärt, alle amtlichen Drucksachen, die Schulbücher, die Zeitungen wurden, sofern noch nötig, auf Fraktur umgestellt; die Kinder lernten mit der "deutschen Schreibschrift" das Schreiben (erst später wurde die lateinische Schrift gelehrt) - der Sieg der nationalen Schrift schien vollkommen. Die Verfügung des Reichsinnenministers, alle Schreibmaschinen auf "deutsche Schrift" umzustellen, war allerdings nicht durchzusetzen.

Die meisten deutschen Typographen paßten sich dem neuen Trend an und gestalteten ihre Drucksachen nicht mehr mit Groteskschriften auf Linksachse und mit Flächen, Kreisen und Balken, sondern Fraktur auf Mittelachse und mit runenhafter Ornamentik. Es gab auch staatlichen Druck. So wurde die Mainzer Presse im Jahre 1935 gezwungen, ihre große "Welt Goethe-Ausgabe" von einer modernen Grotesk auf eine Fraktur umzustellen und die bereits ausgelieferten Bände neu zu drucken und auszutauschen - sonst wäre der Presse der Zuschuß entzogen worden, was das Ende des Unternehmens bedeutet hätte.

Es wäre aber falsch, anzunehmen, daß nun alle Typografen und Schriftkünstler Nazis geworden wären. Wer sich politisch exponiert hatte und die Möglichkeit dazu hatte, emigrierte. Andere paßten sich an die neue Mode an, wie es auch heute clevere Grafik-Designer machen; wieder andere konnten sich bestätigt fühlen, wie Roland Koch. Aber auch der war kein Nazi, er stand der Kirche viel näher als der Partei. Nur konnte er von dieser benützt werden. Einer seiner bedeutendste Schüler, Berthold Wolpe, der als Jude nach England emigrieren mußte, hat dort eine typische "Nazi-Schrift" für die Monotype entworfen, die "Sachsenwald-Gotisch". Es gab umgekehrt auch überzeugte Partei-Anhänger, denen die Ästhetik der Nazis zuwider war.

Die Bezeichnung der Faktur als "Deutsche Schrift" in unpräzis. Die Ästhetik des Nationalsozialisten war ohnehin uneinheitlich. Hitlers Vorliebe in der Architektur und bei den Aufmärschen galt eher römisch-imperial-klassizistischen Formen, die Ufa-Filme folgten den Erfolgsrezepten Hollywoods, nur in der Literatur und in der Schrift war die "Deutschtümelei" die allgemeine Tendenz. Die eigentlich, die typischen "deutschen" Schriften im Sinne der Nazis waren eher nicht die tradierten oder die neu geschaffenen Renaissance-Fraktur-Schriften; es waren vielmehr harte, pseudogotische Schriften, die mit Fraktur oder Schwabacher formal so gut wie nichts zu tun hatten. Sie verhielten sich zur sensiblen Textura wie die Grotesk zur Antiqua. Die Schriften trugen Namen wie "Tannenberg", "National", "Gotenburg" u.ä. Die Setzer nannten sie ironisierend "Schaftstiefelgrotesk" (Beispiel nebenstehend).

Der Sieg der deutschen Schrift schien vollkommen zu sein. Und dann kam, für die deutsche Bevölkerung völlig überraschend, am 3. Januar 1941, der Erlaß mit dem "Verbot" der Fraktur (siehe Faksimile). Auf einmal mußten amtliche Drucksachen in Antiqua gesetzt werden, die Zeitungen wurden umgestellt, die Schulbücher sollten neu gesetzt werden, und in der Schule wurde nur noch die lateinische Schreibschrift gelehrt. Natürlich konnten im täglichen Gebrauch die Frakturschriften weiterhin benützt werden - es war kein wirkliches Verbot. Der Erlaß bewirkte aber einen massiven Eingriff in die Produktion des grafischen Gewerbes in Deutschland. Und das mitten im Krieg. Es schien absurd und widersprüchlich, in der Kriegswirtschaft hunderttausende Tonnen Blei der Satzschriften stillzulegen. Die offizielle Begründung dafür war absurd: Bei der gotischen Schrift handle es sich in Wirklichkeit um "Schwacher Judenlettern", "die Juden" hätten sich bei der Einführung des Buchdrucks der Druckereien bemächtigt und hätten so ihre "Schwabacher Judenlettern" verbreitet. Diese Begründung ist aus der Luft gegriffen. Schwabach ist eine kleine Stadt bei Nürnberg. Juden wurden mitunter nach der Stadt benannt, in der sie wohnten, z.B. war "Mannheimer" ein verbreiteter Name. So könnten auch jüdische Familien "Schwabacher" geheißen haben. Mit Buchdruckerei kann aber das nichts zu tun haben, denn zur Zeit der Einführung des Buchdrucks war die Ausübung der Druckerkunst für Juden verboten. Im 19. Jahrhundert gab es wohl Schriftgießereien in jüdischem Besitz, die konnten aber mit der Verbreitung der Gotik oder der Fraktur nichts mehr zu tun haben. Die Behauptung hat keinerlei Sinn und Bedeutung, sie kann vergessen werden.

Der Grund für die Abschaffung der Fraktur war anderer, machtpolitischer Art. Hitlers Armeen waren Anfang 1941 an allen Fronten siegreich. Die künftige Weltmacht mußte sich der "Weltschrift", der Antiqua, anpassen, um ihre Macht ausüben zu können. Das war der wahre - parteiintern auch formulierte - Grund für die Abschaffung der Fraktur als offizieller Schrift.

Doch erreicht wurde das Gegenteil: Die Fraktur wurde weltweit als Nazischrift empfunden, auch nach dem Verbot eben durch die Nazis. In Frankreich, Holland und Belgien, in Dänemark (das erst 1918 offiziell von der Fraktur auf die Antiqua umgestellt hatte), in Polen, der Tschechoslowakei - kurz: bei allen Nachbarn, deren Länder überfallen und besetzt wurden, war die Fraktur die Schrift der Besatzer. Und erst recht war sie bei allen, die verhaftet, verurteilt oder unverurteilt in die Konzentrationslager gesperrt wurden, die Schrift der Unterdrücker. Das ist bis heute an den unschuldigen Formen auch der schönsten gebrochenen Schriften klebengeblieben.
Die gebrochenen Schriften leben noch weiter als Symbol der Tradition, z.B. in Zeitungsköpfen vieler Länder, auch als Symbol der Gemütlichkeit, etwa bei der Bierwerbung oder bei Gasthausschildern oder bei rustikalen Einrichtungen. Doch als ganz normale Gebrauchsschrift sind sie vom Mißbrauch durch den Nationalsozialismus verdorben worden.

27. Mai 2001

Leserbrief